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Das Geisterhaus

IM ENGADINER KURHOTEL VAL SINESTRA TRÄGT SICH SELTSAMES ZU

VON MICHAEL FURGER (NZZ) 18.7.2013 


EIN LÄNGST VERSTORBENER GAST SOLL DURCH DIE GÄNGE SPUKEN. JEMAND HAT IHN SOGAR GESEHEN. EINE WAHRE GEISTERGESCHICHTE.

Dunkel steht der Wald im Val Sinestra. Die Sonne zeigt sich hier nur um die Mittagszeit. Danach legt sich Schatten über die steilen Hängen. Sanft geschwungene Alpweiden findet man keine hier. Im Val Sinestra stehen Tannen und Lärchen neben schroffen Felswänden. Dazwischen donnert der Bergbach Brancla ins Tal.

Weit hinten ragt ein Haus über die Wipfel. Ein Kurhotel, ein gewaltiger Kasten aus vergangener Zeit, 11 Stockwerke hoch, 100 Jahre alt. Wie ein Schloss mit Türmen und Erkern thront es über dem Talgrund, festgemauert auf einem 15 Meter hohen Felsvorsprung. Bereits der Weg dorthin ist keine Sonntagsfahrt. Von Sent im Unterengadin, einem ohnehin schon abgelegenen Ort, haben Strassenbauer ein Schottersträsschen in den steilen Berghang gehauen. Kilometerweit führt es über dem Abgrund ins Tal hinein.

Diesen Weg fuhr eines Abends im April 1978 Peter Kruit, ein Bauingenieur aus den Niederlanden. Er hatte das Kurhotel eben günstig erworben und plante, dort ein Gästehaus für niederländische Touristen einzurichten. An jenem Abend wollte er, so berichtet er heute, Möbel in den noch leerstehenden Bau bringen. Kruit kam allein. Oben angekommen, steuerte er eine Blechtüre an der Nordseite an. Er öffnete sie, und dabei war ihm, als erwache etwas in der Tiefe des Hauses. Ein lautes Grollen donnerte ihm entgegen, das Gebäude zitterte auf allen Etagen. Kruit packte das Grauen. Er sprang in seinen Wagen, flüchtete nach Sent und wagte sich erst am nächsten Morgen, bei Tageslicht, zurück.

EIN FARN BEWEGT SICH

Peter Kruit ist geblieben. Er führt das Hotel noch heute, zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Wanda Hopman. Es ist ein Gästehaus für Touristen mit kleinem Budget. Zurzeit ist es belegt bis unters Dach. 150 Gäste, fast alles Niederländer. Sie lesen im grossen Salon, sie sitzen beim Bier ums Haus, sie essen im alten Speisesaal, und sie schlafen sorglos auf den oberen Etagen – und ahnen nicht, was sich ein paar Stockwerke tiefer zutragen soll; auf der alten Bäder-Etage im Untergeschoss, dort, wo die Kurgäste vor 100 Jahren ihre Gebresten kurieren liessen.

Ein Lift führt hinunter. Kaltes Neonlicht erhellt einen kahlen Gang. Es sieht aus wie in einer Klinik. An den Wänden hängen alte Fotos hinter zersplittertem Glas. Daneben führen Türen zu den Baderäumen. Alles ist leer. Niemand ist hier. «Doch», sagt Hoteldirektorin Hopman, und ihre Stimme klingt ernst. Er ist hier. Der Geist vom Val Sinestra. Ein Toter, eine Gast aus dem Jenseits. Er soll es gewesen sein, der Peter Kruit vor 32 Jahren das Fürchten lehrte.

Seither macht er sich immer wieder bemerkbar. Als die Belegschaft früher das Hotel jeweils für die Überwinterung zusperrte, gingen wie von Geisterhand einzelne Fenster wieder auf. «Es waren Fenster, die ich vorher eigenhändig verriegelt hatte», versichert die Hoteldirektorin. Im Hotel wird ohne menschliches Zutun die Musik aus der Stereoanlage lauter. In verschlossenen Räumen geht plötzlich das Licht an. Und bei Peter Kruit im Wohnzimmer bewegen sich die Zweige eines Farns, obwohl angeblich nicht der sanfteste Windstoss durch den Raum geht. «Für mich gibt es keinen Zweifel, dass jemand da ist», sagt Hopman. Dass er sich hier unten auf der Bäder-Etage eingerichtet hat, wissen die niederländischen Hoteliers erst seit kurzem. Denn einer hat ihn dort gesehen: Andreas Meile, Sozialpädagoge aus Gerolfingen am Bielersee. Meile arbeitet nebenberuflich als Medium. Er sagt, er könne Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen. Er höre sie und sehe sie auch, manchmal nur als Silhouette, manchmal klar und deutlich.

Auf der Bäder-Etage traf Meile den Geist erneut, vor dem Baderaum Nr. 5. Der Mann zeigte sich ihm in einem eleganten Anzug mit Hut, im Stil der 1920er Jahre. Zu dieser Zeit soll er gestorben sein, erklärt der Geisterseher. «Er ist Belgier, arbeitete in der Stoffbranche und kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg.» Dort soll er sich eine Tuberkulose zugezogen haben, die er dann im Val Sinestra kurierte.

Anfang des 19. Jahrhunderts kamen in der Tat Kurgäste aus ganz Europa ins Val Sinestra. Der Ort genoss einen guten Ruf wegen seiner Fangopackungen und der «auas fortas», der starken Wasser: Quellwasser mit hohem Arsengehalt, das noch heute in oranger Farbe unter dem Hotel aus dem Berg sprudelt. Es soll gegen Blut- und Stoffwechselkrankheiten helfen, gegen Hautallergien und sexuelle Schwäche.

EIN LÖFFEL FLIEGT DURCH DIE LUFT

Weil sich der Kurgast wohl gefühlt habe, sei er nach seinem Tod zurückgekehrt ins Val Sinestra, sagt Meile. Vor dem Baderaum Nr. 5 sei er besonders stark wahrnehmbar. Dessen Tür quietscht beim Öffnen. Ein Korbstuhl steht da, ein Tisch und eine metallene Badewanne. Hier im Raum stehend, hatte Hoteldirektorin Hopman kürzlich ein eigentümliches Erlebnis. Plötzlich stieg ihr Wärme die Beine hoch. «Das war er», sagt Medium Meile.

Andere Angestellte berichten von einem flauen Gefühl im Magen, das sich vor dem Raum Nr. 5 einstelle. Einmal habe ein Hotelgast gar panisch geschrien. Auch ein anderes Medium will den Geist an genau dieser Stelle gespürt haben. Kurz vor Andreas Meile reiste Bea Rubli aus Aarau ins Val Sinestra und berichtete der Zeitschrift «Beobachter» ebenfalls von einem belgischen Soldaten mit Lungenleiden. Guillaume oder Gilbert heisse er. Als Geist sei er gutartig. Gesellig ist er offenbar auch. Zu Andreas Meile scheint sich eine Art Freundschaft entwickelt zu haben. Der Geist habe ihn kürzlich in seiner Wohnung besucht. «Hier ist er gestanden», sagt Meile. Er steht in Flipflops auf seinem Balkon in Gerolfingen und deutet in eine Ecke.

Vor drei Wochen schliesslich rückte eine zehnköpfige Geisterjäger-Truppe aus dem französischen Annemasse im Kurhaus ein. Mit technischen Geräten ging sie auf Spurensuche. Das Material ist noch nicht ausgewertet. Aber spät in der Nacht, die Franzosen waren noch an der Arbeit, soll sich im Speisesaal Seltsames zugetragen haben: Ein Esslöffel machte sich selbständig. Niemand war im Saal, die Türe war, so wird berichtet, verschlossen. Plötzlich – kling, kling, kling – sprang der Löffel über den Boden. Und beim Tisch, auf dem er vorher gelegen sei, sei ein Stuhl weggezogen gewesen, gerade so, als habe jemand dort gesessen.

Ein belgischer Stoffhändler namens Guillaume oder Gilbert – da müsste doch ein Eintrag in einem alten Gästebuch zu finden sein. Doch solche Bücher sind unauffindbar. Wanda Hopman und Peter Kruit haben nie welche gesehen. Der Geist vom Val Sinestra will offenbar nichts mehr preisgeben.

FENSTER ZUM JENSEITS

Die Schweiz ist eine Fundgrube von spannenden Spuk- und Gespenstergeschichten. Einige der faszinierendsten und unheimlichsten Begebenheiten werden in diesem Film mit dem Journalisten Hans Peter Roth anhand von Zeugenbefragungen hautnah am Ort des Geschehens beleuchtet.

Dieser Dokumentarfilm zeigt auch zwei Persönlichkeiten mit der Fähigkeit, verstorbene Menschen zu sehen und Stimmen aus dem Jenseits zu empfangen. Das Medium Andreas Meile und der Geisterseher Sam Hess erzählen persönlich in diesem Film über ihre Gabe. Wie lebt es sich mit so einer besonderen Fähigkeit? Wie reagiert ihr Umfeld darauf? Wie nutzen sie ihre "Kräfte" für andere Menschen?

"Fenster zum Jenseits" bezieht keine Stellung, ob sich die Spuk-Geschichten oder medialen Fähigkeiten wissenschaftlich erklären lassen. Vielmehr sollte aus einer beobachtenden Perspektive und auf kritische Art und Weise die Spiritualität der Menschen, ihre Erlebnisse sowie Auseinandersetzung mit dem Jenseits gezeigt werden.

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Andreas Meile unterwegs mit dem Schweizer Fernsehen.