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«ICH BIN NICHT DER WEIHRAUCHTYP»

Nidau: Andreas Meile arbeitet seit über 15 Jahren als Medium.
Er überbringt den Klienten Botschaften von Verstorbenen. Seine Tätigkeit bezeichnet er als Handwerk, den Weltuntergang als esoterischen Gugus.

Interview: Simone Tanner


 

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Wann haben Sie zum ersten Mal einen Toten gesehen?

Das war im Alter von 18. Mein Grossvater stand an seiner Beerdigung neben dem Grab, hat mir zugewinkt und ist gegangen.

Wie war das?

Speziell. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Ihre besondere Gabe setzen Sie seit über 15 Jahren in Ihrer Praxis als Medium ein. 

Ich habe keine spezielle Gabe, ich bin ein ganz normaler, bodenständiger Mensch. Ich bin nun mal nicht der Weihrauchtyp. Und mit meinem Übergewicht könnte ich ja gar nicht schweben (lacht). Ich habe Sozialpädagogik studiert, bin zertifiziert in Notfallpsychologie und arbeite heute auch mit Psychologen zusammen. Dieses ewige Gegeneinander finde ich schlimm. Für mich ist es ein Miteinander und das ist ja auch das Schlusswort des Films „Fenster zum Jenseits“. Und mediale Arbeit heisst für mich schlicht, Botschaften von Verstorbenen durchgeben. Das ist mein Handwerk.

Handwerk? Dann kann jeder ein Medium werden?

Ja. Man kann es mit dem Autofahren vergleichen. Jeder kann das lernen, aber wir werden nie alle gleich gut rückwärts parkieren. Die Grundvoraussetzungen für Medialität hat jeder Mensch. Natürlich kann man es nicht in einem Wochenend-Kürsli lernen. Man muss es trainieren. Früher oder heute noch in den Naturvölkern haben die Menschen einen ganz normalen Bezug zur geistigen Welt. Dort gehört es zur Kultur. Bei uns wurde es aus der Kultur weggeschrieben. In unserem Weltbild werden wir geboren und sterben. Tot, fertig, Schluss. Meine Erfahrung ist aber eine andere. Verstorbene merken, dass sie gar nicht so tot sind. Und sie wollen dies ihren Angehörigen mitteilen, dass sie angekommen sind, dass es ihnen gut geht. Meine Rolle dabei ist die des Übersetzers.

Welche Leute kommen zu Ihnen?

Von Leuten, die einen geliebten Menschen verloren haben bis hin zu solchen, die aus Neugier kommen. Die Motivationen sind unterschiedlich.

Wie läuft eine solche Sitzung ab?

Die Gespräche mit meinen Klienten sind Gespräche wie jenes, das ich jetzt mit Ihnen führe. Mit dem Unterschied, dass da eben noch der verstorbene Onkel Fritz dabei ist. Durch die Einfachheit meiner Arbeit, die Klarheit meiner Sätze, die Überprüfbarkeit dessen, was ich sage, gibt es eine Sicherheit im Vis-à-vis. Die Trauer bei den Hinterbliebenen ist nicht abgeschlossen. Die Klienten sind immer noch traurig, aber viel ruhiger. Es funktioniert aber nicht so wie im Fernsehen, dass Leute zu mir kommen und ich präsentiere ihnen die Lösung. Das ist Blödsinn. Die geistige Welt löst für uns kein einziges Problem. Aber sie gibt Ideen. Es ist wie eine Drittmeinung, die man einholt. Aber umsetzen muss die Botschaft im eigenen Alltag jeder für sich.

Sie sprechen von Überprüfbarkeit. Beweisen kann man es aber eben nicht, dass Sie die Verstorbenen wirklich sehen?

Doch. Ich kenne von meinen Klienten nur den Namen und die Telefonnummer. Die Verstorbenen zeigen sich mir in einer Sitzung so, wie sie zu Lebzeiten ausgesehen haben, damit ich sie dem Klienten beschreiben kann. Oder sie schildern mir zum Beispiel ihre eigene Beerdigung, bis hin zur Musik, die gespielt worden ist und weitere Lebensdetails.

Und die Verstorbenen stehen dann in der Praxis oder sitzen auf dem Sofa?

Ja, es ist wie mit uns beiden jetzt. Wir diskutieren einfach zusammen.

Und wenn die Verstorbenen zum Beispiel Russisch sprechen?

(lacht laut) Die Sprache ist ein Hindernis, die man nur im Diesseits kennt. Aber die Sprache ist ein eindeutiges Merkmal. Die Verstorbenen kommunizieren dann meistens mit einem Akzent.

Nimmt manchmal auch der Klient den Geist wahr?

Ja, das kommt vor. Es ist eine Energie, die man spürt, eine Wärme oder es riecht nach dem Parfum der verstorbenen Person. Zum Beispiel nach der Weihnachtsguetzli-Büchse der Grossmutter.

Gibt es auch Botschaften von Verstorbenen, die Sie zensurieren müssen?

Das darf ich nicht. Ich bin kein Richter. Ich kann eine gewisse diplomatische Note durch meine Wortwahl formulieren. Aber verschweigen darf ich nichts. Dann würde ich mich ja über alles stellen und damit wäre die geistige Welt nicht einverstanden.

Glauben Sie denn an Gott?

Ja. Ich bin reformiert, aber wohl der schlechteste Kirchengänger, den es gibt. Der Glaube ist mit meiner Arbeit auch nicht immer ganz kompatibel. Aber ich glaube an Gott – oder an eine höhere Macht.

Könnten Sie denn auch mit Jesus in Kontakt treten?

Nein, ich bin zufrieden mit den verschiedenen und überprüfbaren Kontakten aus der geistigen Welt. (lacht) Es gibt genug andere, die behaupten, das zu können. Wenn wir davon ausgehen, dass er vor 2000 Jahren gestorben ist, dann käme er ja gar nicht mehr zurecht in dieser Welt.

Dann können Sie nur mit Toten in Kontakt treten, die noch einen Bezug zur jetzigen Welt haben? Sagen wir solche, die weniger als 70 Jahre tot sind?

Nein, das kann man nicht so sagen. Aber Sie haben nach Jesus gefragt. Und es macht keinen Sinn, dass er sich meldet. Was will er uns noch einmal erzählen?

Ob es ihn wirklich gegeben hat.

Das wird das ewige Mysterium bleiben.

Aber am ehesten könnte doch das jemand wie Sie herausfinden?

Dann wäre ich aber froh, wenn NICHT ich dieser Jemand wäre. Stellen Sie sich einmal die Schlagzeile vor: „Meile spricht mit Jesus.“

Sie müssten es ja nicht dem „Blick“ sagen, nur mir. 

(lacht schallend)

Für mich tönt das ein wenig nach Ausrede. Wenn Sie mit der geistigen Welt kommunizieren können, warum dann nicht auch mit Jesus?

Weil er sich noch nie gemeldet hat. So einfach ist das. (Pause) Und wie wollen Sie zudem überprüfen, ob ich wirklich mit Jesus gesprochen habe? Zudem brauche ich als Medium einen Auftrag und das OK des Gegenübers. Andernfalls meldet sich auch niemand. Die geistige Welt ist nicht die 1818.

Sehen Sie denn jetzt einen Geist, einen verstorbenen Angehörigen von mir?

Nein. Ich sitze Ihnen im Moment auch nicht als Medium gegenüber. Das ist nicht meine Rolle in diesem Gespräch. Und Sie sind auch nicht als Klientin hier, sondern als Journalistin.

Sie können sich als Medium also ein- und ausschalten?

Ja, das ist mein Beruf. Wenn ich aus der Praxis gehe, habe ich Feierabend. Es gibt schon Situationen, in denen der Beruf durchdrückt. In diesen Fällen nehme ich das auf und verfolge es am nächsten Tag bei der Arbeit weiter. Genau so, wie Sie es als Journalistin sicher auch tun.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Den Tod gibt es in dem Sinn nicht. Vor dem Prozess des Sterbens habe ich Respekt, weil ich auch nicht weiss, was mich erwartet. Aber vor dem Tod habe ich keine Angst.

Hat Ihnen noch nie ein Verstorbener berichtet, wie das Sterben ist?

So konkret nicht. Aber man muss das Leben auch in der geistigen Welt reflektieren. Jemand, der Suizid begangen hat, muss auch hinsehen, dass er Leid verursacht. Diese Menschen sind oft bestrebt, sich bei den Angehörigen zu entschuldigen, Frieden zu finden.

Im Jenseits gibt es also auch Sorgen?

Das Jenseits ist nicht einfach Friede, Freude, Eierkuchen. Man muss bestimmte Aufgaben übernehmen, kann nicht einfach auf der Wolke 13 sitzen, Harfe spielen und Nature-Joghurt essen. (lacht) Man hat Aufgaben, die man übernimmt.

Welche denn?

Es ist nicht Arbeit, wie wir sie hier verrichten. Doch im Jenseits muss man zum Beispiel Neuankömmlinge begleiten. Sie brauchen Hilfe und Unterstützung.  

Wir schreiben heute Donnerstag den 20. Dezember 2012. Sie müssten es ja wissen. Geht morgen die Welt unter? 

Nein. Das können Sie ganz gross schreiben. NEIN!

Warum nicht?

Ich kann Ihnen meine unspektakuläre Erklärung dafür geben. (Er holt zwei Kalender.) Hier haben Sie den Dezember 2012. Und da ist der Januar 2013. Wenn ein Kalender fertig ist, beginnt man wieder von vorne. Mir schreiben aber viele Menschen und fragen: „Geht die Welt unter, Herr Meile?“ Es ist erschreckend, welche Angst man mit solchen Prophezeiungen auslöst. Jetzt sprechen die selbst ernannten Propheten neuerdings nur noch von einer kosmischen Veränderung, weil der Weltuntergang gar nicht so lukrativ ist. Denn wenn die Welt untergeht, kann man ja nichts mehr verkaufen. Das ist eine reine Angst- und Geldmacherei. Das ist esoterischer Gugus.

Sie sind also kein Esoteriker?

Manche würden mich wohl als Esoteriker bezeichnen, ich nicht. Meine Arbeit als Medium ist konkret in den Aussagen, nicht Wattebäuschchen-Zeug. Das würde nicht zu mir passen.

Gibt es immer mehr Menschen, die als Medium arbeiten?

Nein, aber man spricht mehr darüber und scheut sich weniger seinen Freunden zu sagen, „ich war beim Meile“.

Aber es gibt auch Menschen, die mit ihrer, vielleicht vermeintlichen Medialität Humbug betreiben.

Deshalb ist es wichtig als Klient immer auch kritisch zu bleiben.

Was entgegnen Sie jemandem, der Sie als Scharlatan bezeichnet?

Ich muss niemanden überzeugen. Für mich ist es klar, dass es die geistige Welt gibt. (schmunzelt) Und irgendwann werden wir alle wissen, wer recht hat.


Link: www.bielertagblatt.ch

Den Trailer zum Film «Fenster zum Jenseits» sehen Sie hier

  • Andreas Meile: 1967 in Biel geboren | wohnt in Gerolfingen
  • Ausbildungen: diplomierter Sozialpädagoge HFS in Brugg. Zertifiziert in systemischer Familientherapie und Notfallpsychologie (Care Team Bern)
  • Tätigkeit: Er leitet seit über 15 Jahren Kurse, Zirkel und bietet mediale Beratungen im PSi Zentrum Seeland an

 

Erste, SVNH zertifizierte mediale Ausbildung der Schweiz